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(1) ORDO DRACONIS – Camera Obscura part 1: The Star Chamber Reviews
Rated: 10/10.

Ein Mammutprojekt erfordert wohl offensichtlich auch ein Mammutreview – zumindest vom Aufwand her, sich mit dem Stoff auseinander zu setzen. Was ORDO DRACONIS mit ihrem zweiten (und dritten?!) Album “Camera Obscura” aufbieten ist dermaßen ambitioniert, vielschichtig und tiefreichend, dass einem vielleicht schon als Konsument, spätestens aber als Musikjournalist die Muffe geht, ob man diesem Giganten gewachsen ist. Die Ambition beginnt beim Line-Up, das vom holländischen Kern der Band über Sänger Tyrann (von den Luxemburgern VINDSVAL) und den österreichischen Drummer Moritz Neuner, der aktuell mit Bands wie LEAVES’ EYES oder ATROCITY unterwegs ist bis zu einer illustren Gästeschar reicht, die allerdings namentlich nicht immer genannt sein möchte. Das deutet bereits auf Großes hin und bestätigt sich, wenn man den ersten Teil des Albums, “The Star Chamber Reviews”, in den Player bugsiert. Hier beginnt das “Project: Eject!” mit dem unglaublich schrägen Intro “Espionage”, das eine Art Freejazz mit Duett- und Chorgesängen darstellt, die allerdings zur Genüge mit Vocodern und sonstigen Effekten angereichert sind. Übersteht man diese ersten drei Minuten, geht es mit “Mock Trial” weiter, dessen verspieltes Black-Metal-Gemisch denjenigen bekannt vorkommen könnte, die sich noch an die früheren Werke “The Wing and the Burden” und “In Speculis Noctis” erinnern können. In eine ähnliche Kerbe schlagen auch “Writhing Tongue” und das zehnminütige “Neuron Gutter, Neutron Star”: vertrackte Drumpatterns, donnernde Rhythmusgitarre, verspielte Leadmelodien, Synthesizer und Chöre en masse, dass man nicht weiß wo man zuerst hinhören soll. Hat man sich an den einen Part gewöhnt, folgt schon der nächste und wirft die Stimmung vollkommen um. Auch Elektroparts, wunderschöne verträumte Akutikpassagen, schwelgende Soli oder A-capella-Gesangsparts sind kein Tabu und werden fließend in die größtenteils sehr langen Stücke eingearbeitet. Als wäre all das noch nicht genug, haben ORDO DRACONIS mit ihrem congenialen Produzenten Patrick Damiani, der unter anderem auch solche Kaliber wie FALKENBACH und SECRETS OF THE MOON unter seinen Fittichen hat, exzessiven Gebrauch von ungefähr siebenundvierzig Milliarden Samples, meisterhaften Effektdetails (fantastisch: Rückspuleffekt in “Neuron Gutter, Neutron Star”) und vor allem Gesangsstilen gemacht. Neben der sehr durchsetzungsfähigen, fiesen Kreischstimme Tyranns haben auch alle anderen Mitglieder ihr Scherflein zur Vokalvielfalt beigetragen und sorgen trotzdem für etwas, das man einer so extremen Avantgarde-Musik gar nicht zutrauen würde: Fluss. Unfassbar, aber nach dem zweiten, dritten Hördurchgang bleiben die Stücke hängen, fügen sich zu einem wirklichen Album zusammen und wirken kein bisschen zerstückelt oder überzüchtet. Diesen Effekt kann man neben der Produktionsmeisterleistung und den sehr stimmungsvollen Bindegliedern “[Vesper X]” (gregorianisch arrangierte Chöre mit Streichquartettunterstützung), “[Angeldust]” (Elektrostück mit elegischer Sphärenwirkung und damit das, was so viele reine Elektrobands immer wollten…) und “[Debris]”, ein bedrohliches, tiefergestimmtes Horrorfilmambiente – und vor allem der visionären Kompositionsfähigkeit der Band zurechnen, die meines Wissens nach im Dunstkreis der Metalszene, sogar unter Einbeziehung von ARCTURUS und EPHEL DUATH, absolut einmalig ist. Es gibt vielleicht Bands, die in vier Jahren ein vierzigminütiges Album ähnlichen Kalibers hervorbringen könnten – aber ORDO DRACONIS haben immerhin ganze zwei CDs zur selben Zeit veröffentlicht. Schauen wir doch mal weiter, was das andere Album an Überraschungen bereit hält. Da werde ich dann auch noch einige Sätze zu den beachtenswerten Texten und den Layouts der Scheiben verlieren.

Alboin.


(2) ORDO DRACONIS – Camera Obscura Part 2: A View with a Room
Rated 10/10.

“A view with a room”, nochmals fast vierzig Minuten von Dauer, beginnt genau da, wo “The Star Chamber Reviews” endet und bindet damit beide Alben in sehr feinfühliger Weise, obwohl sie sich doch merklich voneinander unterscheiden. “The Star Chamber Reviews” ist ein luziferianisches Konzeptalbum, mehr oder minder etwas wie ein Theaterstück mit verteilten Rollen, inspiriert von einem Stück des niederländischen Stückeschreibers Vondel (so erklärt sich auch, dass Luzifer hier und da altes Niederländisch zum Besten gibt…) – “A view with a room” setzt sich hingegen aus thematisch nicht verbundenen Stücken zusammen und ist daher auch musikalisch fast noch eine Spur vielfältiger. Ethno-Einflüsse, diverse Percussions, Tangorhythmen, Elektrobeats und der unbändige Wille zu spielen, was vorher niemand gespielt hat, machen dieses Album zu einem totalen Augen-, vor allem aber zu einem Kinnladenöffner. Von dem, sieht man einmal von einer lateinamerikanisch tanzbaren Einlage im zweiten Teil ab, verhältnismäßig traditionell ausgefallenen “Cloak & Dagger” aus, das mit seinen straighten Blastbeats und frickeligen Leadgitaren auch genauso gut auf dem Vorgänger “The Wing and the Burden” hätte Platz finden können, spielt sich die Band in Form und landet im folgenden “Sirius Fever” gleich einen Treffer allererster Güte. Hier kommen … AND OCEANS-Synthesizer und mitreißende Beats, donnernde Gitarrenwände und einprägsame Riffings, afrikanische Percussions und 80er-Jahre-Gesangseffekte, sphärischer EMPEROR-alike-Black-Metal und progressiver Rock zusammen und werden zu einem gewaltigen Kunstwerk verschmolzen, das einen vor Erstaunen lähmt. Die beiden Stücke darauf bieten Ähnliches, aber nicht mehr den Thrill, diese wahnsinnige Melange zum ersten Mal zu hören. “The Dancefloor Clinic” hat, analog zu seinem Titel, eine Menge tanzbarer Parts zu bieten, die mit ihrem Xylophon und den absurd-hektischen (teils Tango-) Rhythmen bestens zu der berühmten Sanatoriums-Szene in “12 Monkeys” gepasst hätten. “The Don of Venice” beschäftigt sich mit dem altbekannten Faustmotiv, allerdings aus mehreren Bearbeitungen zusammengesetzt, darunter der von Marlowe und natürlich Goethes. Musikalisch haben wir es hier wieder mit einem für ORDO-DRACONIS-Verhältnisse eher traditionellen Stück zu tun, das sicher eines der älteren auf den beiden Alben ist. Das alles lässt sich hier so einfach niederschreiben, fast fühlt man sich ein wenig beschämt ob der wenigen Worte, die vier Jahre intensivster Arbeit in wenigen Textpassagen aburteilen wollen. Nun, das wollen sie sicherlich nicht. Wer einen Blick in diese Dunkelkammer wagt, der wird mit jeder vorbeiziehenden Minute, in der sich Auge und Ohr an die herrschenden Verhältnisse gewöhnen, mehr zu entdecken haben. “Camera Obscura” ist ein zeitloses Werk allererster Güteklasse, ein fabelhaft und ohne den allergeringsten Makel perfekt produziertes und dargebotenes visionäres Album, das alle Grenzen musikalischer Ausdrucksweise ohne ein Wimpernzucken niederreißt. Alle Beteiligten sind hier zur absoluten Höchstform aufgelaufen, und das will bei Musikern wie Moritz Neuner durchaus viel heißen. Wer meint, er sei Musikkunst in seiner reinsten Form gewachsen, wer ULVER verehrt und EPHEL DUATH vergöttert, ARCTURUS kommerziell findet und das LIQUID TENSION PROJECT als Maßstab instrumentaler Darbietung setzt, der wird in ORDO DRACONIS baden wollen. In meinem 10-jährigen Musikerfahren, und das ist durchaus umfangreich gewesen, habe ich etwas wie “Camera Obscura” noch nicht gehört und auch nicht gesehen. Beide Alben sind in einem schlichten, stilvollen Schwarzweiß, aber mit unendlich viel Kreativität und Detailverliebtheit gestaltet und machen auch noch einmal äußerlich klar: hier sind Künstler am Werk, die nicht gewillt sind, sich irgendwo ein- oder unterzuordnen. Eine Verneigung vor dem bewundernswerten Mut des Labels Opus Magnum Productions, diese Alben unter die Öffentlichkeit zu bringen. Legt Euch die beiden Scheiben zu, sie werden Euch über lange lange Zeit eine nicht zu erschöpfende Freude bereiten – und sei es beim Übersetzen der Texte in einem Englisch, wie es vermutlich selbst auf der Insel kaum jemand zu schreiben imstande ist. Wer zögert, findet auf der Labelhomepage einige Hörproben. In der Zwischenzeit könnt Ihr ja einmal über folgende Passage aus “Sirius Fever” nachdenken: “Patterns emerge… At the Bandiagara cliffs, a native / swung at ropes he charmed into an DNA-like coil, before / he plunged into the spirit world. The Nommos, the griot / said, will revisit us in human mould to channel the passage / of souls to the white dwarf orbiting its star!”. Hmhm, genau, die Droge hätte ich auch gerne mal probiert.

Alboin.